Texte

Matthias Klar

EIGENE TEXTE:


Aktuell:

"Meine Buch-Veröffentlichung "Orientierungen im Meer der Liebe - eine phänomenologische und wesenhafte Philosophie der Liebe"

ist derzeit nicht verfügbar, da  sie z.Zt. völlig überarbeitet und wohl in zwei verschiedene Schriften aufgeteilt wird. 


Einige Texte chronologisch:

- siehe auch unten zu lesen:

1979:  "VATER"

- eine kleine autobiographische Erzählung

1997:  "WARTEN"

- eine absurde Geschichte über Einsamkeit

2012: "VIER SÄTZE TIEFEN GLAUBENS"

- ein  Vierzeiler komprimierter Glaubenseinsicht

- hier ein kleiner interpretatorische KOMMENTAR dazu

2017: "EWIGE LIEBE"

- ein mystisches Nacht-Gedicht


TEXTE VON ANDEREN:


- Nelson Mandela über unser Potential und unsere größte Furcht

- Rabindranath Tagore: Lass mich nicht bitten...

- Joseph Beuys über die menschlichen Fähigkeiten

- Spruch der 12er-Kreise



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© 1979 Matthias Klar


"VATER"


Ja, da sitzt er nun:

Die leicht gespreizten Füße stecken wie immer

in festen Schuhen, die Knie, im Urlaubskord

weit geöffnet, stützen die nackten Unterarme,

der mächtige Bauch versteckt sich größtenteils

unter dem nach vorn gekippten Kopf, der bei

jedem Schienenschlag leicht wippt

– Kutschersitz – er schläft.


Die Nachtbeleuchtung brennt unentwegt,

während sich der Zug durch Spanien frisst.

Ich sitze ihm gegenüber und betrachte seine

Stirn. Noch nie ist mir eine Stirn so aufgefallen,

und ich erschrecke fast, welche Außmaße

meines Vaters Stirn hat. Schweißnass glänzt sie

zwischen weißlich und rosa, von der

Nasenwurzel bis in die ausgeprägten

Geheimratsecken, und ich erinnere mich für

eine Sekunde an meine Kindheit, wie ich auf

Wanderungen, mit einem großen Tachentuch

ausgerüstet, auf seinen Schultern reiten durfte,

ihm dafür aber von Zeit zu Zeit die verschwitzte

Stirn abwischen musste.


Aber das ist nicht mehr genau die gleiche Stirn:

sie ist noch zarter geworden, breiter und

faltiger. Vom Schlaf entspannt liegen ihre Gräben

und Furchen willenlos da, und der Ernst einer geschlagenen Schlacht breitet sich über mich, den Beobachter. Wieviele Kämpfe, wieviele Ängste in dieser Stirn verewigt sind! Mir fällt ein, wie er als Kind sich im Heizungskeller der Schule versteckte, weil er nicht turnen konnte; wie er am Schraubstock um die Hundertstel Millimeter rang; wie er beim „Barras“ vom Dreimeterbrett hechten musste; die Ängste im Krieg und danach, als sein Überleben und das seiner Familie auf dem Spiel stand; die Prüfungen, die er durchlitten, den Schulrat, die Sorge um das Wohl der Schüler, die Beziehungsängste mit Kollegen, Nachbarn, Freunden und nicht zuletzt die ewigen moralischen Konflikte, die Glaubenszweifel, die Schuldängste...


Ich denke an die Aufregungen, die Anstrengungen der letzten Monate, als mitten in Portugal Mutter plötzlich so krank wurde, wie er Tage und Nächte bangend und ermutigend an ihrem Bett gesessen war, wie er, ohne die Sprache zu kennen, jenen abenteuerlichen Rückflug organisierte, Mutters Operation, der Transport nach Heidelberg, die wochenlange Ungewissheit.


Bis er zu dem Entschluss kam, nochmals nach Portugal zu fahren und mit mir das Auto für Mutter zu holen, und nun, nun sitzt er da, irgendwo in Spanien in diesem hoffnungslos überfüllten Nachtzug – er, der Vater, mit mir, seinem Sohn!


Wie oft vor unserer lange verzögerten Abreise habe ich mir ausgemalt, wie es wohl werden könnte, so eine lange Fahrt allein mit meinem Vater, habe mir Strategien zurechtgelegt für die zu erwartenden Konflikte, habe nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau gehalten für den Fall, dass ich ihn nicht mehr ertragen kann?!


Ich hatte keine zehn Sekunden überlegt, als er mich fragte, ob ich mit ihm das Auto aus Portugal holen wollte, damals in dem Gang der Station, wo Mutter lag, wo er von ihr kam, ich auf dem Weg zu ihr war. Aber meine „Entscheidung“ war eher ein Funktionieren in einer Situation, die durch die ungeheure Anspannung – Leben oder Tod – absolute Autorität erlangt hatte; ein Spiel, dem der am meisten Leidendste die Regeln gibt, dem sich zu unterwerfen das Schicksal zwingt.


Erst wieder zurück in vertrauter Atmosphäre kam mir so recht, auf was ich mich da eingelassen hatte: mein Vater, mit dem auszukommen oft schon nach ein paar Stunden furchtbar anstrengend ist, der mir so oft so fremd war mit seinen ewig gleich konservativen Ansichten, dieser hundertfünfzigprozentige gute Staatsbürger, der lieber sich selbst anzeigen würde als einmal gegen die Loyalität zu verstoßen, der seit meiner Kindheit nicht aufhörte, mir christliche wie staatliche Moralpredigten zu halten, dieses unselbständige Mamakind, das sich mit ständig neuen, „einmaligen“ Abmagerungsprogrammen durch das Leben betrügt, dieser geschwätzige Elefant im Porzellanladen, mit dem oft die kleinste Menge Alkohol schon so durchgeht, dass er mit Lautstärke, Spannungsfeldern und Sentimentalitäten alle Anwesenden bis zur Kapitulation unterdrückt, dessen Überängstlichkeit als Beifahrer jeden Autofahrer völlig verrückt macht, mit ihm, mit ihm soll ich über eine Woche lang allein durch die Weinländer des Südens reisen!


In der Zeit bis zu unserer Abreise stellte sich dann bei mir allmählich ein Gefühl ein zwischen „direkt umbringen wird`s mich schon nicht – bin ja einiges gewöhnt“  und „vielleicht ist`s auch ganz interessant, Vater mal näher kennenzulernen“.

„Sich möglichst wenig auf die Gefühlsebene einlassen, heikle Diskussionen lieber abbrechen und öfters mal alleine absetzen“ war jedenfalls mein Vorsatz.


Vorgestern im Bahnhof von Genf, als Vater wiedermal leicht angeheitert ein paar Interrailern alte Geschichten und sich selbst zum Besten gab, habe ich mich noch abgegrenzt, habe mit ihnen, diesen öde herumrasenden Flippies, über ihn, meinen „Unicum“-Vater gelacht, habe mich zwar noch im Stolz über seine Zirkusnummern gewiegt, doch zugleich lächelnd von ihm abgehoben – davongelächelt.

Erst gestern, wie er die Frau, die sich gegenüber frierend niedergelegt hatte, mit seinem riesigen Pullover zugedeckt hat, ohne Worte, ohne falsche Scham, und väterlich liebevoll besorgt, dass es ihr nirgends reinzieht, verging mir das milde Lächeln und mich überkam jenes Gefühl der Achtung ihm gegenüber, das ich seit meinen späten Kindertagen vergessen hatte.


Ja, und nun sitzt er da und schläft, die mächtige Stirn über dem eingeknickten Körper leicht wippend.

Im Fenster zum Gang taucht eine lackierte Dame auf und wirft einen abschätzig-grinsenden Blick auf „den alten Penner da mit den nackten Unterarmen und der verschwitzten Stirn über dem fetten Bauch“, worauf sie mir, gemeinsamen Hohn erhoffend, zulächelt, mit den Augen kurz auf „den da“ deutend.

Ich könnte sie auf der Stelle erdrosseln, schaue mit eiserstarrtem Blick zurück, bis sie weitergeht.

Ich betrachte nochmal kurz die Stirn und den Vater und muss lachen, weil ich weiß, dass diese Reise schon gewonnen ist.



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© 1997 Matthias Klar       

 


"WARTEN"


Es war einmal ein Mann, der lebte hoch

oben in einem ausgedienten Leuchtturm

an der Küste des Meeres. Auf dem Dach

des Leuchtturms hatte der Mann ein

großes Fernrohr aufmontiert, mit dem er

die Wolken, die Lichterscheinungen

des Sonnenlaufs, besonders aber

den Sternenhimmel beobachtete. Gleich

unter dem Dach war ein gemütliches

Zimmer eingerichtet mit Ofen, Öllampen,

einer kleinen Kochnische, einem warmen Bett und allem, was man im Leben eben so braucht. Essen und Trinken bekam er über einen kleinen Lastenaufzug von den Leuten, die in der Umgebung des Leuchtturms wohnten.


Anfangs schrieb er übrigens immer noch kleine Dankesbriefe für die freundliche Versorgung, doch im Laufe der Zeit gingen ihm die Ideen aus, was er diesmal hätte schreiben sollen, zumal er die Leute ja nie sah, da der Aufzug gerade an der landeinwärts gelegenen Seite des Turms angebracht war, die drei Fensterchen seiner Stube aber auf`s Meer und den Strand links und rechts schauten.

Auch war er inzwischen zu der Ansicht gekommen, die Gaben der Anwohner seien ja nicht als Almosen zu betrachten, sondern eher als eine Art Stipendium für seine, wie er fand, hochinteressanten Himmelsstudien. Später würde er die Menschen ja dann mit seinen Forschungsergebnissen beglücken und sie damit sozusagen entschädigen. – Also fertigte er eines Tages ein kleines Schildchen mit der Aufschrift „VIELEN DANK“ an und befestigte es an dem Körbchen des Aufzugs.


So war der Mann lange Zeit ziemlich glücklich. Er arbeitete tags und nachts und die Weite des Meeres, die Großartigkeit der Sonnenauf- und untergänge, die Erhabenheit der Sterne gingen immer mehr auf sein Gefühlsleben über. Er konnte immer weniger verstehen, wie die Menschen unter ihm dahinlebten ohne von den Großen Zusammenhängen von Himmel, Äther und Erde zu wissen, die sich ihm immer mehr auftaten.


Das einzige, was sein Glück eigentlich ein wenig schmälerte, war ein Gefühl von Einsamkeit, das ihn anfangs nur sehr leise, dann aber auch deutlicher befiel.

Zunächst half es schon, wenn er nur ein wenig mehr arbeitete und sich sein Glück, so hoch oben in seinem Turm zu leben und so wunderbare Forschungen betreiben zu können, nur recht vor Augen führte. Auch ermahnte er sich zur Bescheidenheit, was ihm gerade angesichts der herrlichen Größe des von ihm immer wieder betrachteten Kosmos nur gebührlich erschien. Manchmal half es auch, wenn er sich in seinem Bett verkroch und sich von dem beruhigend rhythmischen Wellenschlag des heranbrandenden Meeres einlullen ließ.


Im Laufe der Zeit wuchs sich seine Einsamkeit aber doch zu einem ernsteren Problem aus und er beschloss etwas dagegen zu unternehmen.

Nach einiger Überwindung stieg er die Turmtreppe hinunter, öffnete die Eingangstür und befestigte an der Tür ein Schild: „Eintritt frei“. Die Tür ließ er einladend offen stehen und so kamen doch ab und zu ein paar Touristen den Turm hochgeklettert.

Als diese aber merkten, dass sie in der Privatstube des Mannes landeten, grüßten sie immer nur höflich und etwas befangen und gingen sofort wieder.

„Einfach nicht die Richtigen für mich“ dachte der Mann.


So versuchte er mehr „seinesgleichen“ anzulocken indem er unter das Schild „Eintritt frei“ eine kleine „Vorausveröffentlichung“ seiner kosmischen Erkenntnisse hängte. 

Es kam dann auch, wenn auch nur ganz selten, der eine oder andere Wissbegierige hinauf. Diese hatten aber meist ihre eigenen Anschauungen über die himmlischen Zusammenhänge und zum Streiten hatte unser guter Turmbewohner nun ganz und gar keine Lust  – die Argumente der Besucher starrten auch wirklich vor gutgemeinten Halbwahrheiten und völlig irrationalen Phantastereien!

 

Seine Einsamkeit war inzwischen so gewachsen, daß seine Arbeit ernstlich beeinträchtigt war: es musste irgendetwas geschehen! Besonders der Kontakt zu Frauen ging ihm seit seiner wissenschaftlichen Vorausveröffentlichung völlig ab.

Er konnte sich auch kaum noch daran erinnern, dass er ja einmal selbst eine Frau hatte, die aber aus unbegreiflichen Gründen nach nur kurzer Zeit im Turm hinuntergezogen war zu den „albernen Menschen dort unten“ ...

Jedenfalls hoffte er die romantischen Gefühle von Frauen anzusprechen, indem er einige Ansichtskarten mit verschiedenen Turmmotiven an der Eingangstür des Leuchtturms quasi als Köder auslegte: Sonnenuntergang über dem Meer, Sternenhimmel mit Mond, seine gemütliche Kammer mit warmem Bett, Kerzen und Öllampe usw. – sich selbst auf einer Aufnahme anzupreisen fand er zu gewagt: zu sehr hatte sich die lange Einsamkeit in sein Gesicht gegraben.

Ein paar Frauen gingen ihm tatsächlich sozusagen „ins Netz“, eine blieb sogar einige Tage, bald war es ihr aber, wie allen anderen vorher, zu einsam mit dem Mann allein oben in dem Turm.


Irgendwann hielt es der Mann einfach nicht mehr aus und bastelte richtige Schnappfallen, mit denen er den einen oder anderen zu haschen hoffte. Als dies die Anwohner merkten, alarmierten sie die Polizei und meinten der Turm müsse abgerissen werden, so ginge es ja nicht weiter.

Der Mann verbarrikadierte sich aber mit meterdicken Mauern, sodass die Leute Mitleid bekamen und davon abließen.



So können wir eigentlich nur noch auf ein Erdbeben hoffen –

oder ??



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© 2012 Matthias Klar


"VIER SÄTZE TIEFEN GLAUBENS"


Ich bin, weil Gott ist.

Ich bin nicht, weil Gott ist.

Ich bin, weil Gott nicht ist.

Ich bin nicht, weil Gott nicht ist.







Hier ein kleiner

interpretatorischer Kommentar dazu



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© 2017 Matthias Klar


"EWIGE LIEBE"


Von Geist erfüllt   

ist alles um mich her,

die Nacht, das Tal, die alten Eschen.


Der gute Mond

gießt aus sein zartes Meer,

die Welt ist still schon von Geschäften.



Ein morscher Pfahl,

noch Zaun, doch halb verrottet,

wird seltsam wahres Gegenüber,


Sinn, Sein glüht fahl

- dem meinen gleich und: Gottes! –

aus hölzern Poren wie ein Fieber.



Ewig bleibt treu sich die Liebe des Einen:

Fließt sie, ist`s Leben, ruht sie, ist`s Sein.



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